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Montag, 20 April 2015 13:57

Lesung wie im Wohnzimmer

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Autorin Ulrike Draesner (rechts) und Silke Behl, Moderatorin des Nordwestradios, sprechen zwischen den Lesungen immer wieder über die Hintergründe zum Buch „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“. Autorin Ulrike Draesner (rechts) und Silke Behl, Moderatorin des Nordwestradios, sprechen zwischen den Lesungen immer wieder über die Hintergründe zum Buch „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“. Hellwig

Ulrike Draesner liest im „Haus Kreienhoop“ aus ihrem Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ vor

VON FRAUKE HELLWIG

Bericht aus der Zevener Zeitung vom 20.04.2015

Immer wieder lockt die Kempowski-Stiftung Autoren zu Lesungen ins „Haus Kreienhoop“. Am vergangenen Freitag war die Schriftstellerin Ulrike Draesner zu Gast, die das große Thema Flucht, Vertreibung und Spätwirkungen des Krieges mit einem Teil ihrer eigenen Familiengeschichte zu einem bewegenden Roman verarbeitet hat. Silke Behl, Moderatorin des Nordwestradios unterbrach die Lesepassagen mit  interessanten Fragen an die Autorin.

Ulrike Draesner gilt wegen ihrer Vielseitigkeit als eine der herausragendsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Das Thema Flucht und Vertreibung werde in der Literatur nicht häufig bearbeitet und auch sie selbst habe einige Tabus überwinden müssen. „Es ist in doppelter Weise ein heißes Thema, denn es ist heute wieder sehr aktuell“, so die Autorin weiter. Wie nach dem Krieg seien heute wider Millionen Zwangsmigranten auf der Flucht, verließen ihre Heimat und seien in den fremden Ländern ebenso wenig willkommen wie damals. „Ich wollte keinen historischen Roman schreiben, denn der Herzschlag liegt in der Gegenwart.“ Draesner ist überzeugt, dass diese Themen auf den Tisch gehören und aufgearbeitet werden müssen und glaubt, dass die ähnlichen Schicksale der Vertriebenen ein großes Potential für die Völkerverständigung über alle Grenzen hinaus bergen. In ihrem Buch spiegelt sie zum Teil auch ihre eigene Familiengeschichte, denn sie selbst stammt wie ihre Protagonistin aus einer Vertriebenenfamilie – und teilt die Erfahrung, dass der Krieg weit über seine real herrschende Zeit Spuren hinterlässt. „Ich habe mich damit vollkommen allein gefühlt, dabei haben viele andere Menschen aus meiner Generation auch so  empfunden.“ Neun Jahre habe sie an dem Roman gearbeitet. „Ich habe lange versucht, das Buch nicht zu schreiben“, erzählt sie. Doch irgendwann war es dann doch so weit und die Geschichte wollte geschrieben werden. Neun Ich-Erzähler werden in dem Buch zu einem großen Strang verbunden, beleuchten sich gegenseitig. Ulrike Draesner keinesfalls die eine Wahrheit gefunden haben, sondern stellt die verschiedenen individuellen Wahrnehmungen der Wahrheit dar. „Die Welt ist komplexer als man es sich vorstellt. Und viele Klischees stimmen nun einmal nicht.“ Wer die Lesung verpasst hat, kann die  Aufzeichnung am Dienstag um 21 Uhr noch einmal im Nordwestradio nachverfolgen. Auszüge daraus werden am 10. Mai ab 15 Uhr in der Sendung „Buchpiloten“ noch einmal gesendet.

Gelesen 2329 mal Letzte Änderung am Dienstag, 28 April 2015 20:19
Frank Jagels

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