Montag, 29 April 2019 14:56

Ein Meister der literarischen Collage

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Der Schriftsteller Walter Kempowski gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Literaten des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde er durch die Deutsche Chronik und das Echolot. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden. Der Schriftsteller Walter Kempowski gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Literaten des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde er durch die Deutsche Chronik und das Echolot. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden.

Der Nartumer Schriftsteller Walter Kempowski hätte heute seinen 90. Geburtstag gefeiert – Zahlreiche Würdigungen

Bericht aus der Zevener Zeitung vom 29.04.2019 von Joachim Schnepel

Er gilt in Fachkreisen als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, und heute wäre er 90 Jahre alt geworden: Walter Kempowski, geboren am 29. April 1929 in Rostock, gestorben am 5. Oktober 2007 in Nartum. Bekannt wurde er vor allem durch seine stark autobiografisch geprägten Romane der Deutschen Chronik sowie durch sein monumentales Projekt „Das Echolot“, in dem er Tagebücher, Briefe und andere Zeugnisse des Alltags in Collagenform neu arrangierte. Anlässlich und rund um den Geburtstag Walter Kempowskis gibt es zahlreiche Würdigungen des Autors, und zwar vor allem in seiner Heimatstadt Rostock und Umgebung.

Im Mittelpunkt der zahlreichen Würdigungen des Schriftstellers steht dabei ein Internationales Walter-Kempowski-Symposium, das gemeinsam von der Universität Rostock und dem Kempowski- Archiv Rostock organisiert wurde. Die Referenten des Symposiums stammen aus aller Welt, unter anderem aus Irland, Kanada und den USA. Das Symposium endete bereits am gestrigen Sonntag. Auch in Hamburg gibt es zahlreiche Veranstaltungen, unter anderem eine Aufführung der Deutschen Chronik am Altonaer Theater und ein Projekt der privaten „University of Applied Sciences Europe“, in dessen Rahmen sich Studierende mit dem Kempowski-Spätwerk „Ortslinien“ beschäftigen und dafür ein Präsentationskonzept entwickeln. Gedenkplatte wird enthüllt Ein wichtiger Termin steht am Geburtstag des Schriftstellers am heutigen Montag auf dem Programm: So wird am Demmlerplatz in der mecklenburg-vorpommerschen Landeshauptstadt Schwerin eine Gedenkplatte enthüllt. Warum ausgerechnet hier? Nun, hier hatte der Schriftsteller 1948 in Untersuchungshaft eingesessen, und zwar nach einem Besuch bei seiner Mutter in Rostock, bei dem er wegen Spionage vom russischen Geheimdienst verhaftet wurde. Kempowski und sein älterer Bruder Walter hatten Frachtpapiere aus dem Kontor der väterlichen Reederei, die vom Bruder nach dem Krieg weiterbetrieben wurde, gesammelt, um zu beweisen, dass die sowjetische Besatzungsmacht größere Mengen an Demontagegütern aus Ostdeutschland abtransportieren ließ, als es mit den Westalliierten vereinbart worden war. Walter Kempowski, der sich zu diesem Zeitpunkt in Wiesbaden und damit in der amerikanischen Besatzungszone aufhielt, sollte diese Dokumente den Amerikanern übergeben, so war es jedenfalls geplant.

Der Rest ist bekannt: Kempowski wurde verhaftet – offenbar war er verraten worden, von wem, ist bis heute nicht ganz klar – und von einem Militärtribunal der Sowjets wie auch sein Bruder auch zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt; seine Mutter bekam zehn Jahre Haft. Acht Jahre lang, bis zu seiner vorzeitigen Haftentlassung am 7. März 1956, saß er in dem berüchtigten Zuchthaus Bautzen ein. Diese für den jungen Mann einschneidenden Erlebnisse markieren den Beginn seiner späteren schriftstellerischen Tätigkeit. So erschien vor genau 50 Jahren sein Erstlingswerk „Im Block. Ein Haftbericht.“ Teile des Materials daraus finden sich in den späteren Romanen der Deutschen Chronik „Uns gehts ja noch gold“ und „Ein Kapitel für sich“ wieder.

Was macht nun die literarische Bedeutung des Werkes von Kempowski aus, das bis heute viel und gern gelesen wird, und zwar besonders von der älteren Generation? Es dürfte vor allem dessen spezieller und bereits angesprochener Stil sein: die Kunst der Collage. Durch eine nur scheinbar emotionslose Aneinanderreihung eigener Erlebnisse, (Lied-)Texte, Zitate, und anderer Quellen in einem zumeist absatzweise strukturierten Kontext entsteht vor dem inneren Auge des Lesers eine authentisch wirkende Szene, in die er sich besonders gut hineinfühlen kann. Man sieht die Szenerie sozusagen bildlich vor sich. In seiner Familienchronik hat er diese Collage-Technik zu hoher Perfektion ausgearbeitet, darüber sind sich Literaturexperten einig. Kennzeichnend für das Werk Kempowskis ist auch ein teilweise gnadenlos trockener Humor, der sich durch alle seine Romane mit Ausnahme des „Echolots“ zieht. In diesem Spätwerk schildert Kempowski dann keine eigenen Erlebnisse mehr, dafür diejenigen zahlreicher Zeitzeugen im Zweiten Weltkrieg, die er ebenfalls zu Collagen zusammengestellt und damit verdichtet hat. Allerdings sind nicht alle seine Romane und Erzählungen in dieser Weise angelegt.

Die zweite Bedeutung Kempowskis liegt in seiner Tätigkeit als Archivar. Immer wieder gerne erzählt Katrin Möller-Funck, die Leiterin des Kempowski-Archivs Rostock und der Kempowski-Stiftung Haus Kreienhoop in Nartum, dem Lebens- und Arbeitsmittelpunkt des Schriftstellers nach dem Krieg, die Anekdote, als der kleine Walter mit seinem Vater in Rostock spazieren ging und sie dabei auf einen Bekannten der Familie trafen.

Im Verlauf des Gesprächs sei Walter nach seinem Berufswunsch gefragt worden. „Ich möchte Archiv werden“, soll der damals etwa Achtjährige gesagt haben. Wohlgemerkt: Archiv, nicht Archivar. Ob der kleine Walter den Unterschied kannte, ist allerdings nicht überliefert und wohl auch kaum wahrscheinlich. Aber so ist es dann später auch geworden: Kempowski wurde ein geradezu manischer Archivar, der fast alles sammelte und aufbewahrte, was ihm in die Finger kam, in erster Linie Bücher und schriftliche Aufzeichnungen, aber auch Reliquien seiner Heimatstadt Rostock wie Schiffs- und Gebäudemodelle, Gemälde und vieles andere.

So begann er bereits Anfang der Achtzigerjahre, biografische Materialien von sogenannten „einfachen Menschen“ zu sammeln, indem er Anzeigen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ aufgab. Danach erhielt er Unmengen von Tagebüchern, Briefen, Lebensaufzeichnungen und Fotografien unterschiedlicher Menschen. Diese Materialien verwendete er teilweise in seinem späteren Hauptwerk „Das Echolot.“ Dieses Archiv für unpublizierte Autobiografien befand sich in seinem 1974 nach eigenen Entwürfen erbauten Haus Kreienhoop in Nartum, heute Sitz der Kempowski- Stiftung.

2005 vermachte er das Archiv mit mehreren Millionen Blatt Aufzeichnungen und hunderttausenden Fotos der Akademie der Künste in Berlin, die es seitdem fachlich betreut. Teile des Archivs befinden sich aber auch im Kempowski- Archiv Rostock.

Was bleibt nun für die Nachwelt von Walter Kempowski? Vor einigen Jahren haben wir diese und andere Fragen seiner Frau Hildegard Kempowski in einem Interview gestellt. Die Quintessenz und das Hauptmotiv seines Werkes bestehe in der Kopplung von Tragik und Komik, so Hildegard Kempowski damals.

„Für mich ist es so, dass ich hundertprozentig bereichert wurde durch das Leben mit ihm“, so Hildegard Kempowski, die aus Rotenburg stammt und ihren späteren Mann Walter 1956 beim Lehramtsstudium in Göttingen kennenlernte. Durch ihn, so Hildegard über Walter Kempowski, habe sie Menschen kennengelernt, „die ich sonst nie treffen würde.“

Und der Reichtum an Literatur im Hause Kreienhoop sei etwas, mit dem sie sich immer befassen könnte – „und wenn ich 200 Jahre alt werden würde“. Sie selbst hat gerade ihren 84. Geburtstag gefeiert und widmet sich bis heute mit Liebe und Hingabe der Pflege des Werkes ihres Mannes. So liest sie bis heute regelmäßig bei den Literaturnachmittagen der Stiftung im Haus Kreienhoop aus seinen Werken vor. Der nächste findet am 5. Juni statt.

www.kempowski.de

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