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Freitag, 27 Oktober 2017 20:30

Wenn ich 20 Jahre jünger wäre...

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Elisabeth Carstens ist Kassiererin, Bäckerei- und Fleischereifachverkäuferin in einer Person. Auf Nachfrage hat sie auch Rezeptideen für ihre Kunden parat. Ein Service, den nicht nur Kundin Stephanie Heitmann zu schätzen weiß. „Wenn der Laden zu ist, dann muss ich wegziehen“, sagt sie. Elisabeth Carstens ist Kassiererin, Bäckerei- und Fleischereifachverkäuferin in einer Person. Auf Nachfrage hat sie auch Rezeptideen für ihre Kunden parat. Ein Service, den nicht nur Kundin Stephanie Heitmann zu schätzen weiß. „Wenn der Laden zu ist, dann muss ich wegziehen“, sagt sie. Kratzmann

Elisabeth und Fritz Carstens sehen für ihr Geschäft keine Zukunft in Nartum – Haus und Hof stehen zum Verkauf

Bericht aus der Zevener Zeitung vom 27.10.2017

Einst gab es in Nartum vier Geschäfte. Alles, was der Nartumer brauchte, das bekam er im Dorf. Heute betreiben Elisabeth und Fritz Carstens das einzig verbliebene. Ein kleiner Supermarkt. Doch auch der steht jetzt zur Disposition. Das Ehepaar will das Gebäudeensemble an der Hauptstraße mit Laden, Fleischerei, Wohnungen verkaufen. Der Betrieb rechnet sich nicht mehr.

Wer sich beim Ehepaar Elisabeth und Fritz Johann Carstens telefonisch meldet, der bekommt von der Dame des Hauses, unmittelbar nachdem er seinen Namen genannt hat, die Frage zu hören: „Wollen Sie kaufen?“ Mit ihrer unverwüstlich freundlichen Art nimmt sie das Nein zur Kenntnis und antwortet bereitwillig auf die an sie gerichteten Fragen zum Geschäft.

Die Eheleute Carstens wollen verkaufen – den Laden, das Schlachthaus, die beiden Wohnungen, das knapp 4200 Quadratmeter große Grundstück an der Nartumer Hauptstraße mit allem, was darauf steht. Sie haben einen Makler eingeschaltet, der das Anwesen für knapp 410 000 Euro anbietet. „Wir haben schon 20 000 Klicks auf der Anzeige“, erzählt Elisabeth Carstens.

Aber warum wollen sie und ihr Mann Haus und Hof zu Geld machen? „Es lohnt sich nicht mehr“, antwortet sie und ergänzt: „Ich bin 67. Mein Mann ist 65, und wir haben keine Nachfolger.“ Sohn Jörg ist im Außendienst, Sohn Alexander in der Sicherheitsbranche, Tochter Nicole im Gastgewerbe und Tochter Michelle hat den Beruf der Steuerfachangestellten ergriffen. „Unsere Kinder wollen das nicht übernehmen – und ich kann das verstehen.“

Die Geschäfte mit Fleisch und Wurst aus der eigenen Fleischerei, der Partyservice und der Laden bringen seit geraumer Zeit weniger ein. „Früher war hier richtig was los“, erzählt Fritz Carstens. „Wir haben 15 bis 20 Schweine und fünf Rinder pro Woche geschlachtet.“ Und hinter der Fleischtheke standen bis zu sechs Verkäuferinnen. Diese Zeiten sind vorbei. Heute verarbeitet Fritz Carstens im Schlachthaus ein halbes Schwein pro Woche. Das Schlachten hat er aufgegeben. 2009 hätte er eine neue EUZulassung erwerben müssen – „zu teuer für die paar Schweine“, urteilt Fritz Carstens.

Der Partyservice läuft auch nicht mehr wie früher. „Die schießen doch wie Pilze aus dem Boden“, schiebt Elisabeth Carstens als Begründung nach.

Bleibt der Laden, sortiert wie ein kleiner Supermarkt mit Backshop und zwei Frischetheken. „Der trägt sich nicht mehr“, stellt der Inhaber wie beiläufig fest und erinnert daran, dass die Verkaufsfläche vor rund drei Jahren bereits verkleinert worden war. Ehefrau Elisabeth und drei Angestellte halten ihn dennoch am Laufen. Doch wie lange noch. „Mal sehen.“ „Kommt drauf an.“

Seit 40 Jahren steht Elisabeth Carstens im Geschäft. „Eigentlich ist das mein Ding. Ich komme ja aus dem Münsterland und habe hier Entwicklungsarbeit geleistet“, sagt sie und lacht. Das tut sie gerne und oft. Und sie trägt ihr Herz auf der Zunge. Viele Nartumer bekundeten durchaus, dass sie „traurig“ wären, wenn es den Laden nicht mehr geben sollte. Und sie hätten auch geklagt, als die Eheleute Carstens ihn montags und dienstags während der Nachmittagsstunden geschlossen hatten.

Elisabeth Carstens und ihr Mann haben darauf gehört und wieder geöffnet. Die Inhaberin steht dann allein im Geschäft und bedient die wenigen Kunden. Seit die Volksbankfiliale im Dorf Ende Juni schloss, kaufen die Nartumer noch seltener bei Carstens ein. „Die fahren jetzt nach Zeven zur Bank und gehen dann dort auch gleich einkaufen“, weiß Elisabeth Carstens. Der Bürgerbus hat diesen Trend noch verstärkt.

Auch der Sommer trägt eine Teilschuld an der Misere. „Es hat doch keiner gegrillt bei dem Wetter“, sagt Fritz Carstens, der dem Vernehmen nach die leckersten Grillwürstchen westlich von Tilsit herstellt. Dabei kann man Würstchen auch in der Pfanne auf dem Herd braten.

Das weiß Stephanie Heitmann, die den Laden kurz nach 17 Uhr betritt und sich an die Fleischtheke stellt. Sie kauft diverse Wurstsorten und fragt Elisabeth Carstens: „Was kann ich denn heute Abend mal Schnelles machen?“ Die Angesprochene weiß Rat. „Dann nimmst du Eier und dazu Brühwurst in Scheiben – oder was mit Hack.“ Stephanie Heitmann wählt Hack und beklagt dann das drohende Aus für die einzig verbliebene Einkaufsgelegenheit im Dorf. „Erst schließt die Bank. Wenn jetzt auch noch der Laden zu ist, dann muss ich wegziehen“, sagt sie und bezahlt mit Karte.

Schon kommt die nächste Kundin. Sie braucht Brot und Zigaretten. Ein junges Mädchen geht mit einer Prinzenrolle an die Kasse und erhält einen Lolli geschenkt. Zwei Jungs versorgen sich mit Süßigkeiten. Es ist 17.30 Uhr. Elisabeth Carstens lässt ihren Blick demonstrativ durch den leeren Laden wandern und stellt fest: „Feierabendzeit. Eigentlich müsste es jetzt voll sein.“

Dann gerät sie ins Sinnieren. Nartum sei im Grunde optimal für ein Geschäft, wie sie und ihr Mann es betreiben. Es gibt Neubaugebiete, eine altersgemischte Bevölkerung, und die Autobahn ist nicht weit. Unausgesprochen bleibt, dass sich die Mehrheit der gut 700 Dorfbewohner andernorts mit Lebensmitteln versorgt. „Die, die mal mehr kaufen, kommen von auswärts.“

Elisabeth Carstens vermittelt nicht den Eindruck, sie sei mutlos. Sie beklagt sich nicht und klagt nicht an. Sie lächelt und zitiert ihre Tochter: „Michelle sagt, wenn du mit 70 hier immer noch stehst, komme ich und schließe den Laden eigenhändig ab.“ Dazu werde es nicht kommen, wirft Ehemann Fritz Carstens ein. Entweder Haus und Hof sind bald verkauft oder die Eheleute ziehen sich in ihre Wohnung zurück und lassen den Laden Laden und das Schlachthaus Schlachthaus sein.

„Hier könnte doch einer was mit Autos machen. Hinten könnte die Werkstatt eingerichtet werden.“ Elisabeth Carstens fällt noch mehr ein: „Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, dann hätte ich hier ein Café oder Weinlokal draus gemacht.“ Dann ist es 18 Uhr. Aufräumen, Messer abwaschen, Brot aus den Regalen nehmen, Fleisch ins Kühlhaus. Vorbereitungen treffen für den nächsten Tag im Laden.

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