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Dienstag, 09 Januar 2018 10:25

Den Strippenziehern guckt er auf die Finger

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Bericht aus der Zevener Zeitung vom 09.01.2018 von Thorsten Kratzmann

Knapp 44 Jahre hat sich Günter Röhrs „um die Belange Nartums“ gekümmert. Mit 73 Jahren soll es genug sein. Er hat seinen Platz im Rat der Gemeinde Gyhum geräumt. Mit Rolf Höhns stand ein Nachrücker aus dem Dorf als sein Nachfolger bereit. „Es ist gut, so wie es ist“, sagt Günter Röhrs und blickt auf die Jahrzehnte zurück.

Er hatte gerade das passive Wahlalter erreicht, da stellte sich Günter Röhrs zur Wahl. Das Kriegsende lag 20 Jahre zurück, da wollte sich der 21-Jährige ehrenamtlich für das Dorf engagieren. 1969 gelang ihm der Sprung in der Rat der Gemeinde Nartum. Damals hatte jeder Wähler eine Stimme. 17 Stimmen reichten Günter Röhrs für ein Mandat. Zur Ratssitzung fanden sich die acht Nartumer Volksvertreter in der Stube bei Bürgermeister Hinrich Bruns ein. Unter dem Tisch stand eine Kiste Bier, aus der sich die Ratsherren bedienten, während sie Beschlüsse fassten.

Röhrs nennt die Riege älterer Herren in diesem Gremium Strippenzieher. „Ich wollte wissen, wie das da läuft“, lautet seine Begründung für die erste Ratskandidatur. Was er über die gemeindliche Selbstverwaltung vor einem halben Jahrhundert erzählt, ist die Beschreibung eines Klischees: Eine einflussreiche Clique aus dem Dorf macht eine Marionette zum Bürgermeister und gibt die Richtung vor.

Günter Röhrs war noch nicht lange im Amt, da nahte das Ende der kleinen Gemeinden. Im Vorfeld der Gebietsreform, die 1974 vollzogen wurde, hatten sich die Nartumer zu entscheiden, ob sie zu Zeven stoßen oder mit Bockel, Wehldorf, Hesedorf und Gyhum die Gemeinde Gyhum bilden wollen. Der Rat berief auf dem Saal bei Gastwirt Heitmann (heute Hoppen) eine Bürgerversammlung ein und hielt anschließend eine Sitzung ab.

Vier Ratsherren stimmten für eine Fusion mit Zeven, vier wollten zu Gyhum, einer enthielt sich bei der Stimmenabgabe. Der zweite Wahlgang brachte das gleiche Ergebnis. Im dritten Wahlgang fand sich eine Mehrheit für Gyhum. „Das war man gut so“, urteilt Röhrs, der als Politiker eine von zunehmender Skepsis geprägte Distanz zu den Ton angebenden Akteuren in der Stadt Zeven gepflegt hat.

Bei den Kommunalwahlen 1973 verfehlte Röhrs den Einzug in den Rat, rückte später aber in das Gremium nach und erlebte die letzten beiden Jahre der Amtszeit von Wilhelm Cordes aus Hesedorf, dem ersten Bürgermeister der fusionierten Gemeinde Gyhum.

1979 errang Günter Röhrs mit den Stimmen der Nartumer Wähler ein Mandat im Gemeinderat. Dessen Mitglieder wählten aus ihren Reihen Hans-Hermann Wichern zum Bürgermeister. Die Wahl sei „von Zeven gelenkt“ worden, meint der Nartumer und lobt Wichern als „umgänglichen Typ“.

Während dessen Amtszeit befasste sich der Rat häufig mit den Ideen des Architekten Siegfried Morschel. Der hatte Anfang der 1970er Jahre auf dem von ihm am Dammersmoorweg in Gyhum erworbenen Grundstück zunächst ein Jagdhaus, dann ein Hotel mit medizinischer Bäderabteilung, dann Appartementhäuser, eine Reithalle, eine Gaststätte und ein Hallenbad gebaut.

1979 verfügte der Gebäudekomplex über 87 Betten in Ferienwohnungen und 70 Klinikbetten. Die Krankenkassen versagten dem Haus jedoch die Zulassung und dessen Eigentümer damit Zugang zu Geldquellen. Die Gemeinde sollte dem klammen Investor finanziell helfen. Doch der Rat versagte sich dem Ersuchen und blieb unnachgiebig. Familie Kettner übernahm das Anwesen und verkaufte es vor einigen Jahren als Reha-Klinik.

1991 gingen von Gyhum Schockwellen aus, die nicht nur im Zevener Rathaus zu spüren gewesen seien, meint Röhrs: Die CDU verlor im Gemeinderat die Mehrheit. Günter Röhrs schrieb an dieser Geschichte mit. SPD, FDP und WfB machten gemeinsame Sache, nachdem zwei Ratsherrn von der CDU zur WfB gewechselt waren, und hoben Friedhelm Helberg (SPD) auf den Schild. Er blieb knapp 24 Jahre Bürgermeister. Im Verlauf dieser zweieinhalb Jahrzehnte habe sich die Gemeinde gemausert. „Bei Helberg war Zunder“ und am meisten los, schwärmt Röhrs, der ein Freund ebenso klarer wie knapper Ansagen und straffer Führung ist.

Dann zählt er auf, was mit Helberg als Bürgermeister alles erreicht wurde: Der Verkauf des Hesedorfer Campingplatzes mit Schwimmbad – „Ein Fass ohne Boden“, so Röhrs. Die Erschließung des Gewerbeparks Bockel. Die Entwicklung der Ortsmittelpunkte. Der Bau zweier Turnhallen. Die Einrichtung der Kempowski- Stiftung. Die Errichtung eines Gemeindebauhofs. „Mittlerweile ist auch die CDU überzeugt, dass das eine gute Idee war“, kommentiert Röhrs und lächelt.

Das vergeht ihm, als er auf Zeven zu sprechen kommt. Die Samtgemeinde habe Gyhum zu übervorteilen versucht, lautet die Anklage des Nartumers. So habe sie die Unterverteilung von Landesmitteln verweigert und vor Gericht verloren, fasst Röhrs zusammen und ergänzt, dass die Gemeinden Heeslingen und Elsdorf Nutznießer der Gyhumer Hartleibigkeit waren.

Den Zorn auf Zeven genährt hat auch, dass die Samtgemeinde seit Jahren von den gestiegenen Gyhumer Steuereinnahmen profitiere, die der Gemeinde aus dem Gewerbepark Bockel zufließen, obgleich sie sich wortbrüchig gezeigt und die zugesagte finanzielle Beteiligung an der Ausweisung des Gebietes zurückgezogen hatte.

Und schließlich schmücke sich Zeven mit dem Nartumer Schriftsteller Walter Kempowski, habe sich aber einer Zahlung an die Stiftung verweigert. „Das hat mich am meisten geärgert“, bekennt Röhrs. Angesichts dieser Erfahrungen wunderte es ihn auch nicht, als ihm von Bauwilligen aus der Gemeinde Gyhum zugetragen wurde, ihnen sei im Zevener Rathaus der Vorschlag unterbreitet worden, in Zeven statt in Gyhum zu bauen.

Von Amts wegen will sich Günter Röhrs fortan über derlei nicht mehr aufregen. „Jetzt reicht es.“ Fast 44 Jahre hat Günter Röhrs „versucht, etwas für die Nartumer zu tun“. Dass ihm im Zevener Rathaus zum Schluss auch noch eine Ehrenurkunde gestaltet wurde mit den falschen Daten drauf, das passt in sein Bild und lässt ihn nicht mal mehr grummeln. Er lacht, schüttelt den Kopf und kommentiert mit dunkler Stimme: „Die können die gleich schreddern.“

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