Freitag, 17 April 2015 12:47

Alles ist vorbestimmt

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Im Haus des Schriftstellers Walter Kempowski in Nartum befindet sich die Bibliothek, im Vordergrund ein Porträt Kempowskis. 1974 zog der Autor mit seiner Familie in das Haus Kreienhoop, das er selbst geplant hatte und immer weiter ausbaute. Im Haus des Schriftstellers Walter Kempowski in Nartum befindet sich die Bibliothek, im Vordergrund ein Porträt Kempowskis. 1974 zog der Autor mit seiner Familie in das Haus Kreienhoop, das er selbst geplant hatte und immer weiter ausbaute. Jaspersen/ dpa

Hildegard Kempowski, die Ehefrau des verstorbenen Schriftstellers Walter Kempowski, feiert am heutigen Freitag ihren 80. Geburtstag. Anlass für ein Gespräch über Privates und Persönliches mit der Nartumerin im Haus Kreienhoop, die eine Bilanz des Lebens an der Seite ihres Mannes zieht und auf ihre eigene Geschichte zurückblickt.

VON JOACHIM SCHNEPEL

Artikel aus der Zevener Zeitung vom 17.4.2015

Frau Kempowski, Sie stammen ursprünglich aus einer Pastorenfamilie. Warum sind Sie dann Lehrerin geworden?

Mein Vater wollte eigentlich gerne nach Afrika. Vielleicht als Kaufmann. Nicht unbedingt als Missionar. Glaube ich nicht. Der wäre auch ein guter Kaufmann geworden. Aber sein Vater wollte das nicht, der war auch Pastor. In Rostock hat er angefangen, zu studieren – Theologie. Der war mit 25 für ein oder zwei  Semester in Rostock und hat von da ganz viel Briefe geschrieben. Mein Vater war ein guter Seelsorger. Und das hab ich auch im Blut. Ich bin auch gerne hier auf dem Dorf, fühle mich wohl mit den Menschen. Ich hab die immer geliebt, auch diese vielen Mütter, mit denen ich im Laufe der Jahre so zusammengekommen bin. Ich hab neunmal erstes/zweites Schuljahr gemacht. Meine Tante war Lehrerin, meine Mutter auch. Das lag quasi in der Familie.

Ihr Elternhaus stand in Rotenburg?

In Oyten. 1932 hat mein Vater geheiratet und dann sind meine Eltern nach Oyten gezogen. Ich bin in Oyten groß geworden. Meine Mutter kam aus Süddeutschland. Und die war sogar Sportlehrerin gewesen, in München ausgebildet. Ganz toll... (lächelt verschmitzt bei dem Gedanken). Ich wurde 1935 geboren und bin da aufgewachsen bis über den Krieg hin. Und dann wurde mein Vater gefragt, ob er nach Rotenburg gehen wollte als Pastor, denn da gab es Stress. Zwischen der Oberin, der neuen, und dem damaligen Pastor Unger, der über allem stand, den Rotenburger Werken und dem Diakonissenhaus und Krankenhaus. Und weil die Oberin mit dem Stress hatte, hat Lilje (gemeint ist Johannes Lilje, seit 1945 Oberlandeskirchenrat in Hannover und späterer Landesbischof – die Red.) das getrennt, indem mein Vater Vorsteher vom Mutterhaus wurde und Krankenhaus. Der Nachfolger von meinem Vater hieß Willenbrock, Pastor Willenbrock.

Bis wann haben Sie in Rotenburg gelebt?

Mein Vater kam 1956 nach Rotenburg. Da war ich ja schon in Göttingen. 1954 hab ich Abi gemacht in Bremen, dann hab ich noch ein Jahr zuhause geholfen und da hab ich ein Rad verdient, ein schönes neues Rad. Und dann bin ich nach Göttingen, 55. Und 56 ist mein Vater nach Rotenburg gekommen und vorher noch Bodenwerder, und Emden hamse auch noch angeguckt. Da kriegte Mutter n‘ Weinkrampf – nach Emden...

Die Nordsee war nichts für Ihre Mutter?

Ne. Meine Mutter war ja aus einer Kleinstadt, aus Nördlingen, und hatte in München studiert. Für die war städtisch was Besseres. Das war schwer. Aber mein Vater war eben so ein Mensch, der sie auf Händen  getragen hat. Und da wusste sie, was sie hatte. Und jetzt kam Rotenburg, und das war für meine Mutter schon ganz schön da.

Wie haben Sie denn so Ihre Kindheit und Jugend insgesamt in Erinnerung?

Als behütet und geborgen. Im Pfarrhaus nah bei der Kirche gewohnt. Ich hab auch keinen Horror vorm Friedhof gehabt. Ich bin da nicht so empfindlich gewesen wie meine Schwester. Wir hatten auch einen schönen Pfarrgarten.

Sie haben noch Geschwister?

Ja, drei Jüngere.

Und dann kamen Sie nach Göttingen, um zu studieren?

Ja. 55 bin ich hin. Und 56 im November hab ich diesen Mann dann kennengelernt. Genau. Das wäre nämlich meine nächste Frage gewesen... Das steht ganz interessant in diesem Buch „Wenn das man gut geht“.
Da schildert er das ja sehr ausführlich... Da schildert er das so, wie ich es selbst auch empfunden hab. Dass wir uns trafen. Ich wollte erst nicht in diese Tanzstunde rein. Meine Freundin, die kommt jetzt auch zum Geburtstag, die ist so ein fröhlicher Typ. Die sagte, komm doch mal mit, als wir aufgefordert wurden, uns mit den Spätheimkehrern zum Tanzen zu treffen. Damit die da Frauen haben zum Tanzen. Die bekamen die Tanzstunde geschenkt. Das ging von der Studentengemeinde aus. Ich war ja gar nicht dafür. Diese armen, alten Männer, die so lange keine Frau gehabt haben. Da muss man gleich mit ins Bett. Dafür bin ich nicht der Typ.

Das war bekannt?

Ne, das hab ich mir ja ausgerechnet. Ich wusste: Wenn die acht Jahre in russischer Gefangenschaft waren und keine Frau gesehen haben, dann müsste ich die mit ins Bett nehmen. Das heißt, ich müsste bereit sein. Und das war ich nicht. Und hab gesagt, da gehe ich nicht hin. Nach 14 Tagen hat dieselbe Frau nochmal die Leute angesprochen. Sagt meine Freundin, diese Lustige: Komm, lass uns mal hingehen. Und dann bin ich da hin mit ihr. Und dann kam gleich mein späterer Mann auf mich zu...

In dieser Tanzstunde?

Gleich in dieser Tanzstunde. Und wollte mir den Mantel abnehmen, und das war mir schon gleich unangenehm. Ich kann mir selbst den Mantel abnehmen. Ich bin doch keine alte Dame oder so. Und dann aber fing er an, mich auf der Tanzfläche so mit komischen Sachen zu unterhalten. So wie er das konnte. Wenn Sie ihn mal erlebt haben... Er konnte ja so ein Entertainer sein. Das hat er gleich auf der Tanzfläche auch mit mir gemacht.

Was hat er Ihnen erzählt?

Er hat mich zum Lachen gebracht. Viel zum Lachen gebracht. Aber die eine Geschichte, die ich immer noch in Erinnerung habe, ist die, dass er auch erzählte, sein Großvater sitzt im Rollstuhl und der lässt sich die Geige bringen und fidelt, bis seine beiden Hunde anfangen zu jaulen. Die Geschichte, die ist bis heute in meinem Kopf als eine Art Kristall, als etwas, das auch in seinen Büchern steht, nämlich: Wie man Tragik mit Komik koppelt.

Das ist so das Motiv seines Werkes?

Ja, finde ich. Ich hab das gespürt, während er das so erzählte, und wir beide natürlich lachen. Und ich weiß aber ja, dass das keine lustige Situation ist. Aber der Mann, der da sitzt im Rollstuhl, der macht sich das Leben zum Spaß durch so eine blödsinnige Sache. Später hab ich gelesen in diesen Familiengeschichten, dass die Schwestern von diesem Alten sehr musikalisch waren und regelmäßig Hausmusik in Königsberg
hatten. Robert (älterer Bruder von Walter Kempowski – die Red.) ja auch. Und dann kommt ja am Sonntag so ein Swing-Trio aus Rostock hierher. Die hab ich mir gewünscht. Wenn ich etwas vorlesen muss, dann lese ich am liebsten nur Robert-Geschichten aus „Ein Kapitel für sich“. Auf den Gängen in Bautzen hat er seinen sechs Jahre jüngeren Bruder dauernd mit komischen Geschichten unterhalten.

Sie haben Robert, der ja auch vor einigen Jahren verstorben ist, noch kennen gelernt?

Ja. Das war ein Komiker... Raddatz hat mal gesagt zu Robert: Guten Tag, Herr Kempowski, Sie sind ja eigentlich der eigentliche Kempowski. Das heißt, Walter konnte Robert derartig imitieren. Er hat ihn ja erlebt. Was er auch sagte, es hatte immer seine eigene Diktion. Seine Verben, seine Vokabeln. Das war ein ganz besonderer Typ. Und dazu noch musikalisch. Aber er hat sich ja nur mit dieser Musik befasst. Mit Klassik gar nicht.

Hat er denn selber Jazz gemacht? Aber er hat doch kein Instrument gespielt?

Nein. Aber er konnte diese Sachen alle singen. Und tanzen konnte er. Getanzt hat er mit dem Taschentuch. Da gibt‘s so Fotos von. Und bis in die Nacht hinein konnte er reden.

Wie würden Sie denn das Verhältnis der Geschwister überhaupt beschreiben?

Also, Robert war ja manchmal auch so sarkastisch, dass es mir sehr schrecklich war. Das ist etwas, das hatte Walter nicht so. Die Brüder, das ist auch ganz wunderbar in den Büchern beschrieben. Besonders im Kapitel für sich. Da schreibt Walter ja, wie dieser Bruder, der Robert, sich um ihn kümmert. Von Anfang an. Ihn immer behüten will. Als sie da in Bautzen zusammen sind. Aber dann wurde das dem Walter zu viel. Er hat sich dann so ein bisschen absentiert. Das war ein langer Prozess. Wo Walter auch mit anderen Leuten Kontakt aufnahm und sich beeinflussen ließ. Und auch im Kirchenchor, da hat Robert nicht mitgesungen. Das war eine andere Klientel. Und Walter hat sich denn ja auch sehr der Kirche zugewandt. Da wollte er dann ja auch Pastor werden. Walter hatte den Trost nötig. Diese Chorarbeit, diese wunderbare Musik, das hat
ihn so wunderbar getragen.

Ich frage auch deshalb, weil ich meine, dass es bis heute nicht ganz geklärt ist, auf welche Weise Walter Kempowski überhaupt ins Zuchthaus gekommen ist. Was dazu geführt hat. Es wird irgendwie immer nur angedeutet.

Im Grunde kann man das ganz deutlich im „Block“ lesen, Und auch im „Kapitel für sich“.

Aber dass er irgendwie denunziert worden ist, das kommt doch zumindest in den Filmen zum Ausdruck.

Ja, das ist wieder etwas anderes. Da waren ja ganz viele, die da mitgemischt haben mit irgendetwas. Was genau, weiß man nicht. Was da alles war: Schwarzmarkt und so in dieser schlimmen Zeit. Und Walter weiß es ja selber nicht genau. Was zum Beispiel der Freund in Wiesbaden zwischenzeitlich mal da unten im Süden gemacht hat. Er war da irgendwo gewesen und brachte viel Geld mit – irgendsolche Sachen.
Das hat der Walter selbst nicht durchschaut. Und dass er da so blöd ist und wieder nach Hause fährt, nach Rostock... Und sein Freund sagt zu ihm: Du musst hierbleiben. Der stand am Zug und sagte: Lass‘ das sein.

Und er wollte aber unbedingt nach Hause?

Ich sehe das Leben so: Dass wir alle keinen Schritt tun können, ohne dass das vorbestimmt ist. Alles.

Also demnach gibt es keine Zufälle?

Nein. So sehe ich das. Was passiert, ist festgelegt.

Von einer höheren Macht oder von ganz oben?

Ja. Da hat nicht mal der Teufel und Gott mit zu tun. Sondern die Macht, die sitzt da drüber.

Sie glauben noch an eine Macht darüber darüber?

Das Schicksal. Und das Schicksal ist so furchtbar böse. Nur böse.

Es gibt kein gütiges Schicksal? Sind Sie davon fest überzeugt?

Ja, das ist schrecklich. Das ist so unglaublich.

War denn Ihr Mann auch dieser Ansicht?

Walter hat vorher aufgehört zu grübeln. Er hat dann gesagt: Was haben wir durchs Christentum für Werte geschaffen, was ist uns überkommen – mit der Musik, mit der Kunst und mit allem. Das sind doch alles Götter gewesen, die Künstler. Alle, um nur Bach zu nennen. Oder Mozart, oder die Maler, die Bauherren, die im Kopf noch eins draufgesetzt haben. Das sind doch alles liebe Menschen.

Andere Frage: Wann war es klar, dass Sie und Walter Kempowski heiraten?

Also, das war für mich gleich klar. Die Familie der Mutter von Walter, aus Hamburg stammend, war sehr religiös. Und Walter dann auch. Da spürte ich eine große Nähe.

War das jetzt, weil Sie auch aus einem Pastorenhaus stammten?

Die Familien waren ähnlich, ja. Die Mutter war sowas von lieb und süß, wie man sie kennt, aus dem Film. Und wie Walter diese Mutter beschrieben hat, so ähnlich war sie ja auch. Sie hatte auch den Humor, das war ja auch witzig. Sein Vater, seine Mutter, sein Bruder konnten toll erzählen.

Dieses Verhältnis zum Vater, wie würden Sie das beschreiben?

Er meinte ja immer, dass das auch ein großer Einschnitt war für seine Biografie war (der Vater fiel nur wenige Tage vor Kriegsende in Ostpreußen – die Red.). Da gibt es dieses wunderbar großartige Hörspiel, dass er noch immer von seinem Vater träumt. Und dass der Vater im Krieg ist und er
ihn kaum erlebt, das war für ihn ein Trauma, wie für viele seiner Generation.Das war ein Mensch, der den ersten Weltkrieg mitgemacht und 1920 geheiratet hat. Dass die alle nen Hieb hatten, ist doch klar. Da kann man sich freuen, dass die nicht im Irrenhaus gelandet sind. Die Mutter hat zu Walters Vater gesagt: Du warst ja nur ein Versehen. Damit musste dieser Mann schon als Kind fertig werden.

Sie kommen ja oft in den Büchern Ihres Mannes vor. Wie gehen Sie damit um?

Es berührt mich nicht sehr, weil ich oft denke, es ist doch alles ganz anders. Das kann man gar nicht beschreiben.

Hat er das nicht gut beschrieben?

Doch, er hat es zu gut beschrieben.

Wie würden Sie denn Ihre Ehe beschreiben?

Für mich ist es jetzt so, dass ich hundertprozentig bereichert wurde durch das Leben mit ihm. Ich habe Menschen kennengelernt, die ich sonst nie treffen würde. Und der Reichtum an Literatur in diesem Hause – also, da könnte ich 200 Jahre alt werden und könnte mich immer befassen damit.

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