Samstag, 15 Dezember 2018 11:28

Für Polkappenschmelze gut gerüstet

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Statt hoher Wellen haben die Nartumer eine grüne Wiese, auf der die „Casanova“ vor Anker gegangen ist. Wer hier in 20 000 Jahren angesegelt kommt, befindet sich im sicheren Hafen, wenn die Polkappen abgeschmolzen sind. Das versichern (von links) Hafenmeister Tobias Brunkhorst, Logbuchführer Frank Jagels und zweiter Hafenmeister Tobias Schierholz. Statt hoher Wellen haben die Nartumer eine grüne Wiese, auf der die „Casanova“ vor Anker gegangen ist. Wer hier in 20 000 Jahren angesegelt kommt, befindet sich im sicheren Hafen, wenn die Polkappen abgeschmolzen sind. Das versichern (von links) Hafenmeister Tobias Brunkhorst, Logbuchführer Frank Jagels und zweiter Hafenmeister Tobias Schierholz. Millert

Nartum trotzt dem Klimawandel mit eigenem Hafen, Gezeitenkraftwerk, Anker, Leuchtturm und Flaggschiff „Casanova“

Bericht aus der Zevener Zeitung vom 15.12.2018 von Wolfgang Millert

Die Nordsee ist mehr als 50 Seemeilen entfernt, kein Gewässer weit und breit, aber auf der grünen Wiese an der Hafenstraße hinter der Siedlung „Sonnenwinkel“ ist Einmaliges entstanden. Für den Fall, dass der Meeresspiegel wegen fortschreitender Polkappenschmelze die Nartumer Höhenlage von 36 Meter über Normalnull irgendwann überschreitet, ist man hier am „Maiselmeer“ bestens gerüstet – dem Hafenverein sei Dank.

Es mag dem Rotwein zugeschriebenEs mag dem Rotwein zugeschriebenwerden, als die beiden VisionäreUwe Schradick und FrankCordes vor einigen Jahren überdie Folgen des unaufhaltsamenKlimawandels für Nartum zu mitternächtlicherStunde philosophierten.In den Köpfen setztesich die Idee vom sicheren Heimathafenmit komplett maritimerAusrüstung fest. Es dauerte allerdingsnoch eine Weile, bis am 27.Januar 2012 die Gründungsversammlungdes Hafenvereins im„Nartumer Hof“ stattfand – heuteVereinslokal „Neptuns Inn“.

Es sind mehr als 100 Mitglieder, die dieser illustren Gemeinschaft angehören. Der Hafenmeister wurde zunächst auf 50 Jahre gewählt, die Amtszeit ist auf fünf Jahre reduziert. Aktueller Hafenmeister ist Tobias Brunkhorst, sein Stellvertreter Tobias Schierholz, Logbuchführer Frank Jagels und Zahlmeister Thorsten Hellriegel. Ein pflichtbewusster Deichgraf wacht über die Sicherheit der Deiche.

Der Hafen besteht aus einer deichgesäumten grünen Wiese, auf der das Flaggschiff „Casanova“ vor sich hindümpelt. Der Nachfolger der gesunkenen „Waterlos“ wurde wegen geringen Wasserstands per Tieflader in einer abenteuerlichen Überfahrt aus dem fernen Hatzte gekapert.

Ein Mastbaum und der massive Anker auf der Deichkrone sind Mitbringsel oder Beute von guten Freunden. Daneben ein kunstvoller Wegweiser, der zu Orten in alle Himmelsrichtungen leitet. Nach Zeven sind es 5,5, nach Helgoland 75 und zum Nordpol 3130 Seemeilen. Darunter eine Ruhebank für Matrosen, die ihren Blick sehnsuchtsvoll auf die Hallig Bockel schweifen lassen können. Urkunden und Insignien sind 2015 bei der Grundsteinlegung für das Nartumer Gezeitenkraftwerk in den Boden eingemauert worden. Es soll nach Festlegung der Standorte für Robbenbänke erweitert werden. Weiterhin sind Kreuzfahrtterminal und eine Fährverbindung zu „Neptuns Inn“ vorgesehen. Prunkstück ist der mobile Leuchtturm, der mit 1,2 Tonnen Gewicht die stolze Höhe von über acht Metern aufweist. Er wird auch auf dem Zevener Matjesfest am 15. Juni 2019 zu bewundern sein.

Die Nartumer Seemannsmission mit Hafenpastor Florian Schwarz gibt es seit dem Hafenfest 2017. Dem Geistlichen steht als Ministrant Matrose Fredi Carstens zur Seite. Es werden alle Schiffe über 200 000 Bruttoregistertonnen (BRT) mit einem Festgottesdienst und U-Bootbesatzungen mit einem Festgottesdienst in Nartum begrüßt.

Dazu gehören auch die UBootfreunde aus dem bayerischen Oberegg, zu denen eine partnerschaftliche Beziehung besteht. Die Bajuwaren sind im Rahmen ihrer „Feindfahrt“ in Nartum bei den Hafengeburtstagen gesichtet worden.

Ein Wiedersehen mit den Süddeutschen soll es im September im siegerländischen 2500-Seelen- Nest Müsen geben. Die Nartumer folgen per Studienfahrt einer Einladung der dortigen Freiwilligen Feuerwehr, die ebenfalls ein „ziemlich sinnloses Hafenfest“ feiert. Weil in Müsen weit und breit kein See vorhanden ist, hievt man per Schwerkran einfach ein in Duisburg gekapertes Feuerlöschboot ins Becken des örtlichen Schwimmbades. Mit auf diese Nartumer Studienreise wird auch der Zevener Shantychor „Windjammer“ an Bord gehen.

Eine Besonderheit haben sich die Nartumer auf die Vereinsfahne geschrieben: In der Satzung ist verankert, dass keine Frauen dem Hafenverein angehören dürfen. Weil sie, wie auch Nichtschwimmer und Landratten, im Falle einer Evakuierung bei Springfluten oder Tsunamis zu den erst zu rettenden Personen gehören. Die Regelung hatte in jüngster Vergangenheit zur Folge, dass ein Mitglied aus der Seestadt Bremerhaven ausgeschlossen werden musste, weil sich im Nachhinein herausstellte, dass „Eike“ der Vorname einer Dame war.

Darauf trinken die ehrbaren Matrosen mit stets einer Handbreit Rasen unter dem Kiel ihrer „Casanova“, getreu dem Motto „Land unter, Nartum ahoi!“

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